Wir sprechen ganz selbstverständlich vom Immunsystem. Wir wollen es stärken, unterstützen oder „fit“ halten. Doch was genau ist dieses Immunsystem eigentlich?

Tatsächlich handelt es sich dabei weder um ein einzelnes Organ noch um einen bestimmten Ort im Körper. Unser Immunsystem ist ein komplexes Netzwerk aus Organen, Geweben, Abwehrzellen und Botenstoffen. Sie arbeiten zusammen, erkennen mögliche Gefahren und entscheiden, wann eine Abwehrreaktion notwendig ist.

Bei Kindern ist dieses System besonders spannend. Ein Teil der Immunabwehr ist bereits bei der Geburt vorhanden. Ein anderer Teil entwickelt sich nach und nach und sammelt mit jedem Kontakt mit der Umwelt neue Erfahrungen.

Schauen wir uns deshalb einmal genauer an, wie das kindliche Immunsystem eigentlich funktioniert.

Was gehört eigentlich zum Immunsystem?

Unser Immunsystem ist im ganzen Körper verteilt.

Dazu gehören unter anderem:

  • Haut und Schleimhäute
  • Knochenmark
  • Thymus
  • Milz
  • Lymphknoten und Lymphbahnen
  • Mandeln
  • verschiedene Abwehrzellen und Antikörper
  • große Bereiche des Immunsystems im Darm

Dabei übernimmt nicht jeder Bestandteil dieselbe Aufgabe.

Manche Strukturen versuchen bereits zu verhindern, dass Krankheitserreger überhaupt in den Körper gelangen. Andere erkennen und bekämpfen Eindringlinge. Wieder andere sorgen dafür, dass sich unser Immunsystem bestimmte Erreger merken kann.

Vereinfacht können wir uns das Immunsystem deshalb als ein großes Schutz-, Lern- und Kommunikationsnetzwerk vorstellen.

Dabei arbeiten zwei grundlegende Bereiche eng zusammen: die angeborene und die erworbene Immunabwehr.

Die angeborene Immunabwehr: Schutz von Anfang an

Die angeborene Immunabwehr ist bereits bei der Geburt vorhanden.

Sie ist unsere schnelle erste Verteidigung und kann auf mögliche Krankheitserreger reagieren, ohne ihnen vorher schon einmal begegnet zu sein.

Ein wichtiger Teil davon sind unsere natürlichen Schutzbarrieren.

Die Haut schützt uns nach außen. In Nase, Mund, Rachen, Atemwegen und Darm übernehmen die Schleimhäute eine ähnliche Aufgabe.

Mit jedem Atemzug und mit jedem Essen und Trinken kommen wir mit unzähligen Mikroorganismen und anderen Stoffen in Kontakt.

Schleim, Flimmerhärchen und verschiedene körpereigene Abwehrstoffe helfen dabei, unerwünschte Eindringlinge abzufangen oder wieder aus dem Körper zu befördern.

Unsere Immunabwehr beginnt also nicht erst, wenn wir krank werden.

Sie arbeitet bereits an der Eingangstür

Gelingt es einem Krankheitserreger trotzdem, diese erste Barriere zu überwinden, werden weitere Abwehrmechanismen aktiviert. Abwehrzellen erkennen mögliche Eindringlinge, Botenstoffe werden freigesetzt und der Körper startet eine Immunreaktion.

Auch eine Entzündung ist zunächst Teil dieser natürlichen Abwehr.

Und was hat Fieber mit dem Immunsystem zu tun?

Auch Fieber kann Teil einer solchen Abwehrreaktion sein.

Die Körpertemperatur steigt dabei nicht einfach zufällig. Der Organismus verändert aktiv seine Temperaturregulation.

Fieber ist deshalb zunächst ein Symptom und Teil der Reaktion des Körpers auf eine Erkrankung, keine eigenständige Krankheit.

Gerade bei Kindern ist trotzdem wichtig, nicht nur auf die Zahl auf dem Thermometer zu schauen. Alter, Allgemeinzustand, Trinkverhalten und weitere Beschwerden müssen immer mitbeurteilt werden.

Die erworbene Immunabwehr: Unser Immunsystem kann lernen

Neben der angeborenen Abwehr besitzt unser Körper noch eine zweite faszinierende Fähigkeit.

Das Immunsystem kann lernen und sich erinnern.

Kommt es mit bestimmten Krankheitserregern in Kontakt, kann es eine gezielte Abwehr entwickeln. Dabei entstehen unter anderem passende Antikörper und sogenannte Gedächtniszellen.

Trifft der Körper später erneut auf einen bereits bekannten Erreger, kann das Immunsystem ihn häufig schneller erkennen und gezielter reagieren.

Genau deshalb spricht man von der erworbenen oder erlernten Immunabwehr.

Und hier liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen:

Ein Kind hatte schlicht noch nicht so viele Jahre Zeit, Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Krankheitserregern zu sammeln.

Sein immunologisches Gedächtnis befindet sich noch im Aufbau.

Der Thymus: eine kleine Schule für das Immunsystem

Ein Organ möchte ich trotzdem etwas genauer erwähnen, weil es gerade bei Kindern besonders interessant ist: den Thymus.

Er liegt hinter dem Brustbein und ist im Kindesalter besonders aktiv.

Hier reifen wichtige Abwehrzellen heran und lernen vereinfacht gesagt, zwischen körpereigenen und fremden Strukturen zu unterscheiden.

Man könnte den Thymus deshalb ein wenig als „Schule des Immunsystems“ bezeichnen.

Nach der Pubertät bildet er sich allmählich zurück.

Auch daran sieht man schön, wie viel Entwicklungs- und Lernarbeit das Immunsystem gerade in den ersten Lebensjahren leistet.

Ein gutes Immunsystem muss nicht einfach nur „stark“ sein

Wir sprechen gerne von einem „starken Immunsystem“.

Das ist verständlich, aber eigentlich etwas zu einfach gedacht.

Denn ein gut funktionierendes Immunsystem soll nicht möglichst heftig auf alles reagieren.

Es soll erkennen können:

Wann muss ich reagieren und wann nicht?

Es muss Krankheitserreger bekämpfen können und gleichzeitig harmlose Stoffe tolerieren.

Bei Allergien beispielsweise reagiert das Immunsystem auf eigentlich harmlose Stoffe aus unserer Umwelt.

Das zeigt sehr schön:

Ein gutes Immunsystem braucht nicht nur Abwehrkraft. Es braucht vor allem eine gute Regulation.

Warum sind Kinder trotzdem so häufig krank?

Vor allem kleine Kinder können im Laufe eines Jahres zahlreiche Atemwegsinfekte durchmachen. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie ein „schlechtes“ oder „schwaches“ Immunsystem haben.

Ihr Immunsystem befindet sich noch mitten in seiner Lernphase.

Spätestens mit Krippe, Kindergarten und Schule kommen außerdem plötzlich sehr viele neue Kontakte hinzu.

Es wird gemeinsam gespielt, gehustet und geniest, Spielzeug wandert durch viele Hände und damit begegnet das Kind ständig neuen Krankheitserregern.

Für das Immunsystem bedeutet das:  jede Menge neue Erfahrungen.

Der Darm und das Immunsystem gehören zusammen

Wenn wir über das Immunsystem sprechen, dürfen wir den Darm nicht vergessen.

Die Darmschleimhaut bildet eine riesige Kontaktfläche. Jeden Tag begegnet sie Nahrungsbestandteilen, Mikroorganismen und vielen weiteren Stoffen.

Gleichzeitig befindet sich im Darm viel immunologisch aktives Gewebe.

Eine besondere Rolle spielt außerdem unser Darmmikrobiom, also die Gemeinschaft der vielen Mikroorganismen, die unseren Darm besiedeln.

Zwischen Darmflora, Darmschleimhaut und Immunsystem bestehen vielfältige Wechselwirkungen.

Der Darm muss dabei ständig unterscheiden:

Was darf aufgenommen und toleriert werden?

Und wann ist eine Abwehrreaktion notwendig?

Gerade im Kindesalter entwickelt sich dieses Zusammenspiel weiter.

Deshalb gehört die Darmgesundheit für mich zu den wichtigen Bausteinen, wenn wir uns mit dem kindlichen Immunsystem beschäftigen.

→ Mehr dazu: Mein Kind hat immer wieder Bauchschmerzen

Was braucht das kindliche Immunsystem?

Es gibt nicht das eine Mittel, das ein Immunsystem einfach „stark“ macht.

Wir können aber gute Voraussetzungen schaffen, damit es seine Arbeit möglichst gut erledigen kann.

Dazu gehören vor allem:

Eine ausgewogene Ernährung: Sie liefert Eiweiß, gute Fette, Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und weitere Nährstoffe, die der Körper benötigt.

Eine ausreichende Versorgung mit Mikronährstoffen: Unter anderem Vitamin A, Vitamin C, Vitamin D, Zink, Selen und Eisen tragen zu verschiedenen normalen Körperfunktionen bei, teilweise auch zur normalen Funktion des Immunsystems. Nahrungsergänzung sollte dabei nicht nach dem Motto „viel hilft viel“ erfolgen, sondern passend zum individuellen Bedarf.

Ausreichend Schlaf: Während des Schlafes laufen wichtige Regulations- und Regenerationsprozesse ab.

Bewegung und Zeit im Freien: Sie gehören zu einer gesunden kindlichen Entwicklung und unterstützen unter anderem Stoffwechsel, Schlaf und allgemeines Wohlbefinden.

Gesunde Schleimhäute und ein gesunder Darm: Sie bilden wichtige Kontakt- und Barriereflächen unseres Körpers.

Erholung und Stressregulation: Auch Immun- und Nervensystem beeinflussen sich gegenseitig. Kinder brauchen deshalb neben Kita, Schule und Terminen genügend Zeit für freies Spiel, Ruhe und Regeneration.

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Wann sollte man bei häufigen Infekten genauer hinschauen?

Häufige Infekte bedeuten im Kindesalter nicht automatisch, dass eine Störung des Immunsystems vorliegt.

Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick, wenn ein Kind beispielsweise ungewöhnlich schwere oder langwierige Infektionen hat, sich zwischen den Erkrankungen kaum erholt, dauerhaft erschöpft wirkt oder weitere auffällige Beschwerden hinzukommen.

Dann zählt nicht nur die Anzahl der Infekte, sondern das Gesamtbild des Kindes.

Bei ungewöhnlichen, schweren oder anhaltenden Infektionen und bei einem deutlich beeinträchtigten Allgemeinzustand gehört eine kinderärztliche Abklärung immer dazu.

Mein naturheilkundlicher Blick auf das kindliche Immunsystem

In meiner Naturheilpraxis betrachte ich das Immunsystem deshalb nicht isoliert.

Wenn ein Kind auffällig infektanfällig ist oder sich nach Erkrankungen nur schwer wieder stabilisiert, interessiert mich das Gesamtbild:

Wie sieht die Ernährung aus? Wie arbeitet der Darm? Wie geht es den Schleimhäuten? Wie schläft das Kind? Kann es ausreichend regenerieren? Gibt es Hinweise auf eine unzureichende Versorgung mit bestimmten Mikronährstoffen?

Je nach Situation können ergänzend ausgewählte Laboruntersuchungen sinnvoll sein.

Das Ziel ist dabei nicht, das Immunsystem möglichst stark „anzukurbeln“.

Vielmehr geht es darum, gute Voraussetzungen für eine funktionierende und angemessene Immunregulation zu schaffen.

Häufige Fragen zum Immunsystem bei Kindern

Ist es normal, dass Kinder häufiger krank sind als Erwachsene?

Ja, besonders in den ersten Jahren und beim Eintritt in Krippe oder Kindergarten sind häufige Atemwegsinfekte nicht ungewöhnlich. Das kindliche Immunsystem sammelt noch Erfahrungen und trifft gleichzeitig auf viele neue Krankheitserreger. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der Infekte, sondern auch, wie sie verlaufen und wie gut sich das Kind dazwischen erholt.

Kann man das Immunsystem eines Kindes stärken?

Das Immunsystem lässt sich nicht wie ein Muskel einfach „hochtrainieren“. Sinnvoller ist es, gute Bedingungen für seine normale Funktion zu schaffen. Dazu gehören eine ausgewogene Ernährung, ausreichender Schlaf, Bewegung, Erholungszeiten und eine bedarfsgerechte Versorgung mit Nährstoffen.

Welche Rolle spielt der Darm für das Immunsystem?

Eine wichtige. Die Darmschleimhaut ist eine große Kontaktfläche zur Außenwelt und im Darm befindet sich viel immunologisch aktives Gewebe. Außerdem stehen Darmmikrobiom und Immunsystem in ständigem Austausch.

Bedeutet häufiges Kranksein automatisch ein schwaches Immunsystem?

Nein. Gerade bei jüngeren Kindern können häufige Infekte Teil der normalen Entwicklung sein. Auffällig wird es eher, wenn Erkrankungen ungewöhnlich schwer oder langwierig verlaufen, das Kind sich kaum erholt oder weitere Beschwerden hinzukommen.

Welche Vitamine sind für das Immunsystem wichtig?

Mehrere Mikronährstoffe sind an der normalen Funktion des Immunsystems beteiligt. Dazu gehören beispielsweise Vitamin A, C und D sowie Zink, Selen und Eisen. Ob eine zusätzliche Einnahme sinnvoll ist, sollte vom individuellen Bedarf abhängen.

Das Wichtigste zum Schluss

Unser Immunsystem ist kein einzelner Schutzschild.

Es ist ein faszinierendes Netzwerk, das schützt, erkennt, lernt und reguliert. Gerade das kindliche Immunsystem befindet sich noch mitten in dieser Entwicklung.

Ein gesundes Immunsystem bedeutet deshalb nicht, dass ein Kind niemals krank wird.

Entscheidend ist vielmehr, dass die Abwehr angemessen reagieren kann und der Körper anschließend wieder gut in seine Balance zurückfindet.

Vielleicht sollten wir deshalb etwas weniger davon sprechen, das Immunsystem einfach nur „stärken“ zu wollen.

Viel spannender ist die Frage: Was braucht dieses komplexe System, damit es seine Arbeit gut machen kann?

Bild generiert mit KI (ChatGPT)